Novemberluft. Schneidend kühl, selbst die letzten Blätter verneigen sich vor dem ersten Frost. Der Wind fließt anders durch die knorrigen Äste: Schärfer, klarer, wie Reißzähne. Als würden selbst die Wolken sich nicht mehr trauen Geheimnisse zu tragen.
Der Wald wirkt, als hätte jemand die Zeit angehalten – genau in dem Moment, in dem das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren ist. Ein eingerissener Spalt zwischen Welten. Eine Kluft, nebelgefüllt. Eine Wunde, die am heilen ist.
Schwarzes Laub auf feuchtem Boden. Rauhreif. Astbruch. Die Bäume haben ihre Gewänder abgelegt und die Bühne für andere frei gemacht. Auftritt ihrer kleinen Geschwister: Pilze und Moos leuchten in der Landschaft.
Meine Stiefel versinken im Morast, tiefe, dicke Kerben von Baufahrzeugen, die sich ihre Schneisen durch die Heide schlagen. Der Wald sieht aus wie ein Schlachtfeld. Kiefernäste, Birkenstämme, dazwischen zersplittertes Holz, bloßgelegt wie gebrochene Knochen.
Die Flechten sind hart unter meinen Fingerspitzen, als ich saft über Rinde streiche und ein kleines Gebet in die Erde schicke: Ho’oponopono. I am sorry. Please forgive me. Thank you. I love you.
Es zerreißt mir schier das Herz, die Landschaft so zu sehen… doch dann entdecke ich, dass schon die ersten zarten Knospen an den Ästen zu finden sind, wie sich jetzt schon der Frühling ankündigt… und wie nah Ende, Tod und Wiedergeburt beieinander liegen. Alles nur ein Faden im großen Webteppich des Lebens. Die Nornen weben, das Webrad rollt.
Ich bin spazieren. Oder anders: Ich begegne dem Land.
Alle paar Schritte bleibe ich stehen, bewundere, berühre, lausche. Alle paar Schritte geht mein Kopf in den Nacken oder mein Blick gen Boden.
Es ist einsam. Keine Menschenseele begleitet mich, nur das Rauschen des Windes in den Kieferwipfeln und ein Schwarm Nebelkrähen.
Plötzlich schießen mir Tränen in die Augen – weil mir bewusst wird, wie verloren ich mich gerade fühle. Wie ausgebrannt, leer und orientierungslos. Wie sehr ich den Ruf der Spirits höre und mich dennoch im Nebel stehen sehe.
„Ich würde euch gerne folgen“, schreit mein Herz. „Aber ich weiß nicht, wie…“
Die Wahrheit lautet: Ich bin der alten Rolle entwachsen.
Und während ich mich schmerzhaft aus der alten Haut schäle, mich verwundbar, nackt und einsam fühle, weiß ich nicht, wohin meine Schritte mich tragen sollen.
Es ruft meine Seele nach Hause. Doch so sehr ich diesen Ort auch kenne – es existiert keine Landkarte, kein Weg. Der Kompass in meiner Hand: längst schon blind geworden, das Glas gebrochen von zu vielen Reisen.
Heiße Tränen laufen mir die Wange hinab. Meine Lippen sind trocken und aufgesprungen von der Kälte. Immer wieder fliegen mir verlorene Haarsträhnen in das Gesicht, kleben im Salz der Tränen fest.
Ich setze mich zwischen die Birkenstämme, unter die kahlen Kronen, die nun von den Misteln geschmückt werden. Es ist mystisch. Es ist surreal alltäglich. Und es ist eine Initiation.
Man schreibt Geschichten am besten, indem man sie schreibt.
Und ich soll meine Geschichte schreiben.
Neu.
Wieder.
Erneut.
Mit Worten, die mir in der Kehle kleben bleiben, vor Trauer um das Alte und Angst vor dem Neuen.
Nur mein Herz, das weiter schlägt und meine Seele, die mich zum Vertrauen ermahnt.
Plötzlich wird mir bewusst:
Der Wald um mich herum ist kein Schlachtfeld.
Er ist die Werkstatt meiner inneren Alchemistin:
Zerfall und Werden liegen hier auf demselben Tisch, sie mischt mit ihren Fingern in derselben Schale aus Erde, Frost und Atem.
Die Bäume stehen nun novembernackt da — nicht entwürdigt, sondern bereit. Offen. Endlich unverkleidet.
Sie zeigen, was unter allem Grün lag: die Erinnerung an meine eigene Wahrheit.
Es brennt. Zerreißt mich.
Jede Geburt schmerzt – und jede Wiedergeburt doppelt.
Wie die Göttin Cerridwen, die mich in ihren Kessel nimmt, mir das Fleisch von den Knochen kocht, mich zu Staub zermahlt und neu zusammensetzt – mit einem Grinsen, das nur alte verrückte Weiber haben dürfen.
Novemberwind.
Nordwind.
Aufbruch.
Hier, in diesem Aufbruch… finde ich meine Sollbruchstelle.
Jenen Zwischenzustand, der mich zwingt, meine nächste Version zu gebären,
ohne dass ich schon weiß oder ahnen könnte, wer sie sein wird.
Sollbruchstelle
