Ocean Prayer

Eiskalte Luft reißt mir den Brustkorb auf, als ich hinaustrete. Unsanft.
Wie eine Klinge.

Mein Herz springt.
Jedoch nicht vor Freude –
sondern weil es aufgerissen wird. Aufgeschnitten, das Fleisch offen und blutig.

Knochen werden plötzlich weich, das Rückgrat abgekocht.
Muskeln lösen sich.
Der Geist verliert seine Kanten, wird formlos. Er wird still,
Aber nicht friedlich,
sondern weil ihm die Worte ausgehen.


Musik fließt durch mich hindurch, der Ocean Prayer:

„The tide whispers, low and deep,
a secret only stillness can keep.
Sand on my toes, weight off my chest.
The ocean hums — I’ll find my rest.“

Tränen schießen mir in die Augen, denn der Sog wird körperlich.
Unmissverständlich.
Die Spirits rufen mich.
Nicht sanft – sie ziehen.
Nach Hause.

Ich bleibe stehen.
Aus Angst.

Jeder Schritt ein Verrat –
entweder an dem, was ich war,
oder an dem, was ich bin.

Sie wollen Verbindung, sagen sie.
Doch was sie meinen ist Kontakt.
Ohne Haut.
Ohne Abstand.

Ohne die Sicherheit einer Hülle.

Ein Kontakt ohne doppelten Boden.

Mit dem Unausweichlichen in mir, das erwacht, sobald mein Kopf zur Ruhe kommt.
Wenn ich mit dem Nebel tanze,
jede Welle segne,
der Erde unter meinen Füßen meine Ehre erweise.

„The moon pulls strings I can not see,
a rhythm older than you and me.
Shells on the shore like scattered dreams,
the soul redeems“

Vor meinem inneren Auge:
Meine Füße versunken im Sand.
Wellen lecken an meinen Knöcheln.
Mit jeder Bewegung durchflutet mich Einheit.
Angebundensein.

Mein Körper erinnert sich an das Fließen, das Brechen, das Schwappen.
Mein Herz singt die Melodie der See.
Ich sehne mich danach, meine Fußsohlen in weiches Moos zu tauchen.
Eine Krone aus Mondlicht und Sternenstaub auf meinem Haupt.
Und in meinen Augen endlich dieses Feuer,
das dort seit so langer Zeit glüht.

Eine Kraft, die in meiner Brust wohnt – durch meine Ängste mundtot gemacht, angebunden, fast gepfählt…

Sie revoltiert nicht leise.
Sie rammt sich gegen meine Rippen.
Sie brüllt nicht nach Freiheit.
Sie brüllt nach Blut.
Und ich weiß:
Sie meint meines.

Heiße Tränen laufen mir über die Wangen, während ich durch den Wald gehe.
Die Baumwipfel nicken.
Und in mir erwacht die Gewissheit:
Diese Befreiung ist unvermeidbar.

Die einzige Frage ist ihr Preis.
Wie viel von mir sie fordern wird.
Wie viele Hautfetzen ich mir von der Seele reißen muss –
schmerzhafte Hüllen, fest verwachsen mit meinen Idealen.

„The ocean breeze knows my name.
Through every tide — I am not the same.“

Ich verliere mich selbst. In einem Selbstbild, das mir so vertraut und zeitgleich so ungewohnt ist, dass ich mich daran gewöhnen muss, dass diese neue Haut nicht kratzt und beengt.

Die darunter liegende Freiheit – gleichzeitig Verlockung und Bürde – jagt mir tausende Alpträume in die Knochen.

Und ist gleichzeitig die Verlockung, der ich mich kaum entziehen kann.

Oh, ich sehne mich danach, anzukommen.
Sehne mich nach einer Hand, die mich nimmt – mich umsorgt und mir sagt, dass alles gut wird.
Eine Umarmung, die mir Trost und Zuversicht spendet.
Ein gehauchter Kuss aus Mut und Vertrauen.

Doch meine Schritte knistern im Schnee, mein Atem gefriert an den Ästen meines Alltags.

Und ich kämpfe nicht mehr,
um heil zu bleiben.

Ich kämpfe,
um nichts mehr zurückzuhalten.

Veröffentlicht von Dr. Maren Buhl

Ich bin Ärztin und Psychotherapeutin. Seit vielen Jahren begleite ich Menschen durch Krisen, Übergänge und innere Brüche – mit klinischer Klarheit, Erfahrung und einem feinen Gespür für das, was zwischen den Worten liegt. Gleichzeitig bin ich eine wilde Frau. Ich glaube nicht an Heilung durch Anpassung, sondern an Wahrhaftigkeit, Verkörperung und das Wiederfinden der eigenen inneren Kraft. An das, was lebendig wird, wenn wir aufhören, uns zu zähmen. In meiner Arbeit verbinde ich medizinisch-psychotherapeutische Expertise mit Tiefe, Intuition und einer klaren, manchmal unbequemen Ehrlichkeit. Ich arbeite strukturiert und achtsam – und lasse Raum für das Ungezähmte, das Echte, das sich nicht normieren lässt. Ich begleite Menschen, die nicht „funktionieren“ wollen, sondern ganz werden. Mit Verstand. Mit Körper. Mit Seele.

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