ein Märchen für wilde Frauen
Es waren einmal zwei Schwestern.
Frauen. Wild, stark und frei.
Doch sie trugen unterschiedliche Seelen in ihrer Brust.
Der König ließ ausrufen, sein Land werde von einem Eber verwüstet.
Ein Tier, das Felder aufriss, Dörfer erschreckte, Grenzen missachtete.
Wer es erlegte, sollte an seiner Seite das Land regieren.
Die jüngere Schwester ging bei Morgengrauen.
Sie betrat den Wald von Osten her.
Dort, wo die Sonne den Boden zuerst berührt. Dort, wo der Nebel zuerst raunt.
Sie schritt ohne Hast – sie ging und lauschte der Dämmerung.
Im Dickicht dann begegnete sie einer alten Frau:
Klein, unscheinbar, mit Augen wie feuchte, dunkle Erde.
Gebeugt, doch ungebrochen.
Die Schwester grüßte sie freundlich und mit sanftem Blick.
Die Alte sah sie lange an.
Prüfte. Wägte ab.
Dann reichte sie ihr einen schwarzen Speer, die Spitze glatt wie Obsidian.
„Er wird nicht der Kraft in dir folgen“, sprach sie, ihre Stimme wie Leder.
„Sondern der Wahrheit in dir.“
Die Schwester dankte, nahm den Speer,
und ging.
Sie fand den Eber dort, wo der Boden zerwühlt war von alter, fauliger Wut – von ungerichteter Kraft.
Der Kampf war kurz. Präzise:
Ein Atemzug.
Ein Wurf.
Das Tier fiel. Lautlos.
Zur selben Zeit kam die ältere Schwester von Westen daher.
Sie ging nicht in den Wald.
Sie ging an ihm entlang – in ein Haus am Rand, wo das Feuer warm und der Met süß war.
Sie trank sich Mut an.
Und zeitgleich den bitteren Geschmack der Ahnung, die Jüngere könne ihr zuvor gekommen sein.
Als die jüngere Schwester mit dem erlegten Eber zurückkehrte, lächelte die Ältere. Doch ihre Augen lachten nicht.
Sie sprach: „Ruh dich aus, Schwesterherz. Es wird dunkel. Wir gehen gemeinsam zum König.“
Doch auf der Brücke, dort, wo Wasser und Schatten sich mischen, wo nur das Rauchen des Flusses die Wahrheit kennt,
hob sie einen Stein.
Es krachte. Knochen barsten. Nur der Fluss lauschte.
Der Körper der Jüngeren fiel ins ewige Schweigen.
Ihre Knochen aber
blieben wach – durchtränkt von der Grausamkeit des Verrats.
Die Ältere begrub sie unter der Brücke.
Brachte den Eber zum König.
Sie wurde zur Königin gekrönt.
Die Jahre vergingen, zogen ins Land und die Stille wähnte sie in Sicherheit.
Eines Tages trieb eine junge Hirtin ihre Tiere über die ausgetrocknete Furt unter der Brücke.
Dürre hatte das Flussbett aufbrechen lassen.
Ein Knochen ragte hervor – weiß, glatt, unübersehbar.
Die Hirtin nahm ihn auf.
Nicht aus Neugier, sondern weil etwas in ihr rief.
Sie schnitzte daraus ein Mundstück für ihre Flöte. Achtsam, mit geschickten Händen.
Und als sie ihren Atem hineingab,
geschah, was immer geschieht, wenn Wahrheit Luft holen darf:
Der Knochen sang.
Ich lag im Dunkel,
unter der Brücke versteckt.
Meine Schwester hat mich erschlagen
für Macht, für Besitz, für ein fremdes Bett.
Die Hirtin hörte nicht weg, schämte sich nicht, grämte sich nicht – sie hörte hin.
Sie ging zum König.
Blies erneut hinein.
Die Knochen sangen wieder.
Der König ließ graben.
Und fand, was verscharrt worden war:
einen Körper.
Und die Wahrheit darin.
Die Ermordete wurde endlich geehrt.
Ihre Gebeine fanden Ruhe.
Und die Mörderin –
Ihre eigene Schwester?
Man ertränkte sie im Brunnen.
Im gleichen Wasser, das ihre Schwester jüngt begraben hatte.
