Nothing Is Yours – And That’s the Point

What Real Abundance Feels Like

Blassgolden steigt die Sonne über den Horizont und wirft Lichtfäden in den Morgennebel.

Jeder frische Morgen ist ein Spektakel: Farben fließen ineinander, lassen Wolken, Himmel und Natur aufleuchten. Lichtgrenzen gleiten über den Boden, zeichnen neue Schatten.

Wann hast du dir das letzte Mal die Zeit genommen, das wirklich zu sehen?

Im Alltag rutscht dieser Zauber aus dem Fokus. Wird Nebensache. Dabei sind es genau diese Momente, die uns nähren.

Ich stehe am geöffneten Badfenster, hinausgelehnt, die Zahnbürste im Mund. Wind streicht mir um die Nasenspitze, zwei Krähen fliegen vorbei, aufgeregte Spatzen tanzen in den Zweigen der Thuja. Zwischen den Baumkronen hängt noch milchiger Morgennebel. Ein Schleier, der langsam mit Goldfäden durchwebt wird.


Sichtbar wird nur, was längst gewachsen ist

Je höher die Sonne steigt, desto kräftiger werden die Farben. Der Kontrast bekommt Lebendigkeit: ein helles, fast provokantes Grün der ersten Blätter mischt sich mit dem dunklen Blaugrün der Nadelbäume. Flechten glitzern ockerfarben auf spröder, brauner Rinde. Krokusse setzen ihre Tupfer.

Es wirkt plötzlich. Explosiv. Fast überwältigend.

Und doch ist es das nicht.

Was jetzt sichtbar wird, hat lange im Verborgenen gearbeitet:

  • Wurzeln, die sich ihren Weg gesucht haben.
  • Kräfte, die sich gesammelt haben.
  • Wachstum, das niemand gesehen hat.

Ich schließe das Fenster, aber meine Gedanken sind noch dort draußen, am Waldrand, im Sonnenaufgang, im Aufbruch in einen neuen Tag.


Beltaine

Alles ist da – und nichts gehört dir

Ein Satz taucht auf:
Everything is for you. But nothing is yours.

Fülle. Reichtum. Ohne Besitz.

Ich sehe hinaus und begreife: Das Leben stellt alles bereit: Licht. Wasser. Nahrung. Gemeinschaft.

Und gleichzeitig: Das, was wir brauchen, ist nicht immer das, was wir wollen.


Die unbequeme Wahrheit

Everything is for you

Dieser Satz klingt beinahe zynisch in einer Welt, in der Mangel real ist. In der Kinder hungrig schlafen und andere im Luxus schwimmen.

„Es ist alles da“ ist kein Trostpflaster. Kein spiritueller Zuckerguss. Es ist eine Haltung:

  • Dankbarkeit für das, was da ist.
  • Zufriedenheit mit dem, was bereits trägt.
  • Vertrauen in das, was sich entfalten wird.

Und trotzdem: kein Zurücklehnen. Kein Wegsehen.
Es entbindet uns nicht von Verantwortung. Oder von Eigeninitiative. Engagement. Tatkraft.

Im Gegenteil.

Wenn alles da ist, sind wir gefragt, dafür zu sorgen, dass es bleibt. Dass es wächst. Dass es weitergegeben werden kann.


Geschenk statt Besitz

Nichts gehört uns. Alles ist eine Gabe, ein Geschenk.

Aber diese Gabe entsteht nicht von selbst.

Mutter Natur arbeitet. Unaufhörlich. Immer.
Sie formt aus Licht, Wasser und Erde das, was uns trägt und nährt.
Auch im Rückzug. Auch im Winter. Auch in der Stille.

Nur haben wir lange verlernt, das zu sehen.

Der Blick ist getrübt. Beschlagen von Erwartungen, Strukturen, Lärm.


Beltaine ist kein Tag im Kalender

Jetzt steht Beltaine vor der Tür. Ende April. Anfang Mai.

Lange konnte ich mit diesem Fest wenig anfangen. Dieses Reden von Fülle, von Lebendigkeit – es blieb abstrakt.

Bis heute.

Fülle ist nichts, was man besitzen kann. Man muss sie spüren (lernen).

Reichtum zeigt sich nicht nur auf Konten oder Besitz. Sondern in Momenten wie diesem – im Alltäglichen, im scheinbar Normalen.


Der Mut zur Fruchtbarkeit

Fruchtbarkeit heißt nicht, dass schon etwas geerntet wird.

Sondern dass ich bereit bin, mich auf den Prozess einzulassen.
Auf das Zarte.
Das Unfertige.
Das Offene.

Fruchtbarkeit ist die Bereitschaft, mich berühren zu lassen – ohne Garantie, was daraus entsteht.

Wenn ich mich öffne, werde ich fruchtbar.

Nicht, weil ich etwas produziere –
sondern weil ich empfänglich werde für das, was durch mich entstehen will.


Tauche in Fülle

Beltaine ist für mich kein einzelner Tag mehr.

Es feiert jeden Morgen vor meinem Badezimmerfenster.

Und ich entscheide:
Stehe ich am Rand des Festes und warte, dass mich jemand ins Leben bittet – oder gehe ich einfach hinein.

Unfertig. Unkoordiniert. Lebendig.

Es braucht nicht viel.
Ein offenes Herz.
Ein bisschen Mut.
Und ein offenes Badezimmerfenster.

Veröffentlicht von Dr. Maren Buhl

Ich bin Ärztin und Psychotherapeutin. Seit vielen Jahren begleite ich Menschen durch Krisen, Übergänge und innere Brüche – mit klinischer Klarheit, Erfahrung und einem feinen Gespür für das, was zwischen den Worten liegt. Gleichzeitig bin ich eine wilde Frau. Ich glaube nicht an Heilung durch Anpassung, sondern an Wahrhaftigkeit, Verkörperung und das Wiederfinden der eigenen inneren Kraft. An das, was lebendig wird, wenn wir aufhören, uns zu zähmen. In meiner Arbeit verbinde ich medizinisch-psychotherapeutische Expertise mit Tiefe, Intuition und einer klaren, manchmal unbequemen Ehrlichkeit. Ich arbeite strukturiert und achtsam – und lasse Raum für das Ungezähmte, das Echte, das sich nicht normieren lässt. Ich begleite Menschen, die nicht „funktionieren“ wollen, sondern ganz werden. Mit Verstand. Mit Körper. Mit Seele.

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