Wie die Welt entstand – und warum du sie jeden Tag neu erschaffst

Nordische Mythologie, Bewusstsein & die wilde Erinnerung daran, wer wir sind

Die Tage werden kürzer.
Das Licht zieht sich zurück.
Und irgendwo zwischen früher Dämmerung und kühler Morgenluft beginnt etwas in uns zu lauschen. Vielleicht ist es die Zeit, in der die Nordische Mythologie besonders lebendig wirkt.

Vielleicht ist genau jetzt die richtige Zeit, sich an die uralten Geschichten zu erinnern.
An jene, die nicht nett sind. Nicht glatt und nicht „moralisch sauber“.

Legenden, die noch mutig waren: roh, wahr, und erstaunlich nah an unserem eigenen Leben.

Denn die Welt, so erzählen es die nordischen Mythen, entstand nicht aus Licht oder Worten.

Sie entstand aus einem Körper.


Der Anfang: Gewalt, aus der Leben entsteht

Am Anfang war Ymir, ein Urriese. Hässlich. Uralt. Erwacht aus dem Ursprung von allem.

Und dann kamen sie: Odin, Vili und Ve. Drei Brüdergötter. Drei Kräfte. Drei Bewusstseinsaspekte, wenn du so willst.

Sie beschlossen, dass die Welt Ordnung brauchte – hinterrücks erschlugen sie Ymir.

Brutal. Ohne Zögern.

Und aus seinem toten Körper erschufen sie die Welt wie wir sie kennen, Midgard:

  • Sein Fleisch wurde zur Erde.
  • Sein Blut zu den Meeren.
  • Seine Knochen zu Bergen.
  • Sein Schädel spannte sich als Himmel über uns.
  • Und aus seinem Gehirn wurden die Wolken.

Es ist eine Geschichte, die man schnell als „zu viel“ abtun möchte. Zu blutig. Zu archaisch. Zu fremd in den grausamen Bildern.

Und doch liegt genau hier eine der schlichtesten und schönsten Wahrheiten verborgen:

Die Welt, in der wir leben, ist geformt aus Substanz. Aus Materie. Aus etwas, das einmal lebendig war.

Und – wenn wir tiefer schauen – auch aus uns selbst.


Kleine Einladung: Hör dir die Schöpfung an

Mitten in all dem Denken, Deuten und Verstehen liegt etwas, das tiefer geht: das Erleben.

Ich habe dir die Geschichte von Ymir und der Entstehung der Welt eingesprochen – ungestellt, fast wie am Feuer erzählt.

Nimm dir einen Moment, schließe vielleicht die Augen und höre sie dir an.

Lass sie durch dich hindurchziehen, statt sie nur zu verstehen und schau welche Bilder in dir kommen wollen.

Von der Entstehung der Welt

Dein Körper ist deine Welt

Diese Geschichte erzählt nicht nur von der Welt.
Sie erzählt von dir.

Denn das, was die Götter im Außen tun, geschieht in dir – jeden Tag.

  • Dein Schädel ist dein Horizont.
  • Dein Gehirn webt die Wolken deiner Gedanken.
  • Dein Blut fließt wie Gezeiten – mit Rhythmen, mit Ebbe und Flut.
  • Dein Körper kennt Zyklen, die tiefer reichen als dein Kalender – besonders der weibliche Körper, der sich im Rhythmus von Mond und Leben bewegt.
  • Deine Knochen tragen dich wie Berge.
  • Dein Fleisch ist die Erde, auf der dein Leben wächst.

Das ist keine dekorative Metapher.

Es ist eine Einladung zur Erinnerung:

„Du bist nicht in der Welt. Die Welt ist in dir geformt.“


Die ersten Menschen: Aus Holz und Atem

Nachdem die Welt geformt war, fanden Odin und seine Brüder zwei Baumstämme am Ufer:

Eine Esche und eine Ulme.

Daraus schufen sie die ersten Menschen.

Jeder der drei gaben ihnen etwas mit:

Atem. Bewusstsein. Bewegung. Sprache. Und etwas, das wir heute „Seele“ nennen.

Nichts davon perfekt.

Aber Unreif und trotzdem wahr. Unvollkommen. Im Werden begriffen.

Doch durch und durch lebendig.

Darin liegt die eigentliche Magie:

Wir sind gemacht, um zu fühlen. Zu gestalten. Zu erfahren. Der Welt mit den Sinnen zu begegnen.

Doch wie genau hängen Wahrnehmung, Bewusstsein und Erfahrung zusammen?


Die nordische Schöpfungsgeschichte erinnert uns daran, dass wir nicht nur in einer Welt leben – wir sind aktiv an ihrer Entstehung beteiligt. Wir sind gleichzeitig Schöpferin und Zeugin unserer Realität.

The Healing Wild

Wie Innen so Außen

Die moderne Bewusstseinsforschung formuliert es nüchtern: Wir nehmen Realität nicht einfach wahr – wir konstruieren sie.

Der Neurowissenschaftler Anil Seth sagt:
„Wir halluzinieren unsere Realität.“

Und plötzlich wirkt die alte nordische Geschichte gar nicht mehr so alltagsfremd.

Auch andere Kulturen wussten längst, dass „Realität“ etwas relatives ist. Die Weisheiten der Maya, Inka oder Olmeken erzählen auf ihre eigene Weise dasselbe.

Wie innen, so außen. Ein hermetisches Prinzip, das sich durch Zeiten und Welten zieht.

Was du denkst, fühlst, glaubst – formt das, was du siehst.


Du bist beides: Schöpferin und Zeugin

Die nordische Mythologie sagt nicht: „Du bist machtlos.“ Gleichzeitig sagt sie auch nicht: „Du hast die totale Kontrolle.“

Sie ist radikaler.

Sie sagt:

„Du bist gleichzeitig diejenige, die erschafft – und diejenige, die erlebt.“

Du bist Schauspielerin und Regisseurin. Gestalterin und Zeugin. Formende Kraft und fühlendes Wesen.

Und genau hier liegt die Herausforderung:

Diese Gleichzeitigkeit zu halten.

Nicht in Allmachtsfantasien zu kippen. Aber auch nicht in Ohnmacht zu versinken.


Die Rückkehr ins Wilde

Wenn du beginnst zu begreifen, dass deine Wahrnehmung nicht neutral ist, dass deine Gedanken nicht einfach passieren, dass dein Körper nicht getrennt ist von deiner Welt –
dann verändert sich etwas.

Dann wird diese alte, blutrünstige Geschichte plötzlich still. Klar. Fast zärtlich.

Denn sie sagt:

„Du kannst deine Welt nicht erschaffen, ohne dich selbst zu berühren.“

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Initiation:

Nicht die Kontrolle über alles zu halten. Sondern sich bewusst zu werden, dass wir immer beteiligt sind – im Wahrnehmen wie im Tun.

Mit jedem Gedanken. Mit jedem Gefühl. Mit jedem Atemzug.


Für die dunkler werdenden Tage

Wenn die Tage kürzer werden und die Welt sich nach innen neigt, dann ist das kein Verlust oder Rückschritt.

Es ist ein Raum. Ein Kokon.

Ein Ginnungagap in dir.

Ein Ort, an dem du wieder sehen kannst, was du formst. Und was dich formt.

Und vielleicht – ganz leise – beginnt dort etwas Neues.


Das ist Teil 1 meiner vierteiligen Reihe über die nordische Mythologie.
Im nächsten Teil tauchen wir tiefer in die Welt der Götter ein – und in das, was sie uns über Macht, Verlust und Menschlichkeit lehren.


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Veröffentlicht von Dr. Maren Buhl

Ich bin Ärztin und Psychotherapeutin. Seit vielen Jahren begleite ich Menschen durch Krisen, Übergänge und innere Brüche – mit klinischer Klarheit, Erfahrung und einem feinen Gespür für das, was zwischen den Worten liegt. Gleichzeitig bin ich eine wilde Frau. Ich glaube nicht an Heilung durch Anpassung, sondern an Wahrhaftigkeit, Verkörperung und das Wiederfinden der eigenen inneren Kraft. An das, was lebendig wird, wenn wir aufhören, uns zu zähmen. In meiner Arbeit verbinde ich medizinisch-psychotherapeutische Expertise mit Tiefe, Intuition und einer klaren, manchmal unbequemen Ehrlichkeit. Ich arbeite strukturiert und achtsam – und lasse Raum für das Ungezähmte, das Echte, das sich nicht normieren lässt. Ich begleite Menschen, die nicht „funktionieren“ wollen, sondern ganz werden. Mit Verstand. Mit Körper. Mit Seele.

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