Der Weltuntergang beginnt mit Kälte.
Drei Winter reihen sich aneinander. Kein Sommer. Kaum Licht.
Die Welt wird kalt. Menschen wenden sich gegeneinander, und die Ordnung beginnt zu zerbrechen.
Dann verschlingt ein Wolf die Sonne, ein anderer den Mond. Die Erde bebt. Berge stürzen ein, die Fesseln des Fenriswolfs reißen, die Midgardschlange erhebt sich aus dem Meer. Das Totenschiff Naglfar legt ab. Die Riesen ziehen herauf.
Ragnarök – die Götterdämmerung – beginnt.
Was folgt, ist kein Kampf zwischen Gut und Böse, sondern der Zusammenbruch der gesamten kosmischen Ordnung: Götter kämpfen gegen Riesen und Ungeheuer, alte Verbündete treten gegeneinander an. Odin fällt, Thor stirbt nach seinem Kampf mit der Midgardschlange, Loki und Heimdall töten einander.
Einer nach dem anderen fällt.
Die alte Welt geht unter.
Nicht metaphorisch.
Nicht ein bisschen.
Sie brennt. Lichterloh.
Dennoch – so lehrt die Geschichte – ist Ragnarök nicht das Ende von allem.
Denn aus der Asche erhebt sich eine neue Welt.
Doch unter all dem Chaos lohnt sich der Blick auf einen bestimmten Charakter, der diesen Weltuntergang maßgeblich beeinflusst: Loki.
Ragnarök ist nicht das Ende von allem. Es ist das Ende einer Welt, die nicht mehr bestehen kann.
The Healing Wild
Loki – der nicht ganz dazugehört
Loki gehört zu den Göttern – und gleichzeitig nicht wirklich zu ihnen.
Er lebt unter den Æsir, ist Odins Blutsbruder und hilft den Göttern immer wieder aus Situationen, die ohne ihn kaum zu lösen wären. Und doch stammt er aus der Welt der Riesen.
Loki ist der Grenzgänger. Der Trickster. Der, der zwischen den Ordnungen steht, Regeln kennt und sie gerade deshalb zu umgehen weiß.
Genau das macht ihn so wertvoll:
Loki bringt Bewegung in das, was festgefahren ist. Er findet Auswege, wo andere keine sehen, stellt Gewissheiten infrage und tut Dinge, die innerhalb der bestehenden Ordnung eigentlich nicht vorgesehen sind.
Bis das, was ihn wertvoll macht, zur Bedrohung wird.
Nach Balders Tod wird Loki gefesselt: Das Unberechenbare soll gebändigt, aus der Ordnung entfernt werden.
Doch was wir wegschließen, verschwindet nicht.
Es wartet.
Bis die Fesseln reißen.
Vielleicht gibt es auch in uns einen Loki
Damit meine ich nicht, dass wir alle heimliche Rebellen oder Sonderlinge sind.
Viel interessanter ist etwas viel Alltäglicheres:
Es gibt Teile von uns, die nicht in die Ordnung passen, in der wir leben:
- Vielleicht ist es die Frau, die keine Kinder haben möchte.
- Der Mann, der als Frau leben möchte.
- Der Mensch, der keinen klassischen Karriereweg gehen will.
- Jemand, der eine Beziehung anders leben möchte, als es die eigene Familie erwartet.
- Jemand, der sich anders ernährt, anders arbeitet, anders liebt oder einfach eine Überzeugung vertritt, die nicht dem entspricht, was in seinem Umfeld als selbstverständlich gilt.
Das muss weder radikal noch rebellisch sein.
Es muss nicht einmal besonders interessant sein.
Es darf einfach anders sein.
Wir lernen jedoch früh, welche Seiten von uns Zugehörigkeit sichern und welche Seiten möglicherweise Irritation auslösen.
Also passen wir uns an.
- Wir werden leiser.
- Wir erklären uns.
- Wir verschieben unsere Grenzen.
- Wir lernen, welche Version von uns funktioniert.
Und manchmal beginnen wir dabei, genau die Teile von uns wegzusperren, die eigentlich nach Veränderung verlangen.
Nicht weil diese Teile automatisch recht haben. Nicht weil jede innere Stimme verwirklicht werden muss.
Sondern weil ein Leben, in dem wir dauerhaft gegen wesentliche Teile unserer eigenen Wirklichkeit leben, irgendwann brüchig werden kann.
Krise bedeutet: So wie bisher geht es nicht weiter
Für mich ist das eine der interessantesten Verbindungen zwischen Ragnarök und unserem menschlichen Leben.
Eine Krise bedeutet zunächst einmal:
Die bisherigen Lösungen reichen nicht mehr aus.
Unsere Strategien funktionieren nicht mehr.
Unsere Ressourcen reichen nicht mehr.
Das, was uns bisher durch schwierige Situationen getragen hat, verliert seine Wirksamkeit.
Wir können nicht einfach weitermachen wie bisher.
Genau darin liegt die Zumutung einer Krise – und gleichzeitig ihre transformative Kraft.
Sie zwingt uns an eine Grenze.
An den Punkt, an dem wir etwas lernen, entwickeln oder verändern müssen, weil die alte Art, mit der Welt umzugehen, nicht mehr genügt.
Manchmal ist das eine innere Krise.
Wir merken schon lange, dass etwas nicht stimmt:
- Unser Körper wird lauter.
- Der Schlaf schlechter.
- Die Migräne häufiger.
- Die Erschöpfung tiefer.
- Die Gereiztheit größer.
- Die Freude kleiner.
Vielleicht tauchen immer wieder Symptome auf, die wir medizinisch betrachten und behandeln können – und die gleichzeitig phänomenologisch etwas über unsere Lebenssituation erzählen können.
Aber: Nicht jedes Symptom ist eine Botschaft.
Nicht jede Erkrankung kündigt eine Krise an.
Und schon gar nicht bedeutet eine schwere Erkrankung, ein Unfall oder ein Verlust, dass wir vorher nicht gut genug hingesehen hätten.
Das wäre eine grausame Vereinfachung.
Nicht jede Krise kündigt sich an
Es gibt Krisen, die nicht aus uns heraus entstehen:
- Der Tod eines geliebten Menschen.
- Der Verlust eines Tieres.
- Eine schwere Erkrankung.
- Ein Unfall.
- Der Verlust des Arbeitsplatzes.
- Eine Trennung, die wir nicht erwartet haben.
- Eine Naturkatastrophe.
Manchmal geschieht etwas, das uns aus unserem bisherigen Leben herauskatapultiert, ohne dass wir es hätten verhindern oder vorhersehen können.
Dann geht es nicht darum, nachträglich irgendein Warnsignal zu finden.
Dann ist die Aufgabe eine andere:
Wie lebe ich weiter, nachdem meine Welt nicht mehr dieselbe ist?
Ragnarök ist auch dafür ein Bild.
Denn Ragnarök fragt nicht, ob die Götter bereit waren.
Die Welt geht unter.
Punkt.
Und erst danach stellt sich die Frage, was von ihnen übrig bleibt.
Nach Ragnarök kommt eine neue Welt
Ragnarök endet nicht im Nichts.
Einige Götter sterben. Andere kommen zurück.
Zwei Menschen überleben verborgen und treten nach dem Untergang wieder hervor.
Die Sonne wird gefressen – und dennoch erscheint eine neue Sonne.
Die Welt ist nicht mehr dieselbe.
Aber sie ist wieder lebendig.
Das ist keine Geschichte darüber, dass nach jeder Krise alles schöner wird.
Manches bleibt verloren.
Manche Menschen kommen nicht zurück.
Manche Versionen unseres Lebens können nicht wiederhergestellt werden.
Trauer lässt sich nicht wegtransformieren.
Und doch kann aus dem Ende einer Welt eine andere entstehen.
Vielleicht ist das die tiefste Bedeutung von Ragnarök:
Nicht alles, was untergeht, soll gerettet werden.
Manches muss enden:
- Eine Rolle.
- Eine Identität.
- Eine Beziehung zu uns selbst.
- Eine Vorstellung davon, wie unser Leben aussehen sollte.
- Eine Ordnung, in der wir zwar funktioniert haben, aber nicht mehr wirklich gelebt haben.
Was, wenn du nicht auf das Ende warten musst?
Vielleicht kennst du dieses Gefühl:
Du weißt längst, dass etwas nicht mehr stimmt.
Du spürst es, lange bevor du Worte dafür hast.
Du merkst, dass deine bisherige Art zu leben dich immer mehr Kraft kostet.
Und trotzdem wartest du darauf, dass es sich irgendwann richtig anfühlt, loszugehen.
Doch ehrlicherweise: Vielleicht kommt dieses Gefühl nie – und du wartest am Busbahnhof auf ein Kreuzfahrtschiff…
Veränderung fühlt sich zunächst falsch an, gerade weil sie dich aus einer Ordnung herausführt, die dir lange Sicherheit gegeben hat.
Vielleicht bedeutet Mut deshalb nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, der Angst nicht die gesamte Entscheidungsgewalt zu überlassen.
Ragnarök erinnert uns daran, dass Welten nicht ewig bestehen.
Auch unsere nicht.
Manche zerbrechen von außen.
Andere werden von innen brüchig.
Das Fiese ist: Manchmal erkennen wir den Unterschied erst, wenn wir bereits mitten in den Trümmern stehen.
Doch solange noch ein kleiner Riss da ist und nicht die ganze Welt brennt, gibt es eine Möglichkeit, die die Götter der nordischen Mythologie nicht mehr hatten:
- Wir können zuhören.
- Wir können innehalten.
- Wir können einen Teil von uns, der bisher nicht in unsere Ordnung passte, nicht länger bekämpfen, sondern kennenlernen.
Und vielleicht können wir dann etwas verändern, bevor die Fesseln reißen müssen.
Denn dann ist das die eigentliche Lektion von Ragnarök:
Nicht jede Welt, die untergeht, hätte gerettet werden können.
Aber manche Welten müssen auch nicht erst untergehen, damit wir begreifen, dass sie uns nicht mehr entsprechen.
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